Meine erste Berlinale

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Regisseur Sebastian Schipper

 

Ein kluger Mensch soll einmal gesagt haben „Leben ist das, was passiert, während Du damit beschäftigt bist Pläne zu machen“.

Freudestrahlend liefen Sebastian und ich, am Rande des Roten Teppichs in den Berlinale Palast. Es war mittlerweile 10 vor 10 Uhr abends. In zehn Minuten würde Victo   ria starten – ein Film, den ich Sebastian mit „da geht es irgendwie um ne Berliner Clubstory, könnte spannend sein“ beschrieben hatte. Auf seine Frage, ob es denn noch Karten gäbe antwortete ich ihm „Naja online nicht mehr, aber da passen ja 1600 Leute rein, wir stellen uns einfach mal in die Schlange, ich glaube schon, dass wir noch welche bekommen.“
Etwa eine Stunde früher standen wir in der besagten Schlange. Es war kalt, es war ungemütlich und die etwa 50 Leute vor uns, machten mir nicht unbedingt Mut, die gewünschten Karten zu erhalten…

 

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„Liebe Leute, es gibt leider nurnoch genau 4 Karten für die Vorstellung, es tut mir sehr leid. Eventuell wird der Kinomanager entscheiden, dass die eventuell leeren Plätze neu belegt werden, das kann ich aber nicht versprechen.“
„Und jetzt Ralph?“ fragte mich Sebastian.
„Lass uns hierbleiben, vielleicht haben wir irgendwie Glück, bei 1600 Leuten dürften ja durchaus ein paar nicht kommen. Und wenn nicht, dann machen wir eben irgendwas anderes.“

In diesem Moment drängelte sich eine etwas ältere Dame mit Pelzmütze vor uns hinein. Kennst Du das Gefühl, wenn Dir Dein Bauch ganz klar zu verstehen gibt, dass Du noch steinzeitliche Instinkte hast? Leider hatte ich meine Keule gestern Abend nicht mit dabei, also versuchte ich es mit einem freundlichen „Guten Abend. Wir kennen uns noch gar nicht. Wie geht’s?“ – zugegeben Sie war überrascht. Die gewünschte Wirkung hatte meine Intervention aber nicht zu Tage befördert. Ja, das kann ich noch üben, etwas konkreter mich auszudrücken. Whatever.
In solchen Momenten setzt ziemlich schnell eine Verbrüderung, der umstehenden Mitwarteten ein. So auch gestern. Gemeinsam mit meinem Vormann, lästerte ich was das Zeug hielt. Irgendwann kam dann mal eine Frau, die eine Karte abzugeben hatte. 20 Euro, statt 13 wöllte sie dafür haben. Mein Vormann interessierte sich zwar, erst später erfuhr ich aber von ihm, dass er zwar eigentlich nur eine Karte wöllte – aber keine 20 Euro zu diesem Zeitpunkt in der Tasche hatte…Wie wir letztendlich an die Karten gekommen sind, kommt gleich.

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Sebastian und ich gehen die Treppen hinauf, überall Menschen, die Tür zum Saal geht auf – wow, ich habe noch nie einen solchen großen Kinosaal gesehen. Reihe 19. Ah da unten, da in die Mitte sollen wir uns setzen. Hallo, wir sitzen hier – Guten Abend.
Zwei Reihen vor uns Küsschen links Küsschen rechts. Das ist der und das ist der. Hallo, schön sie kennenzulernen. Wirkt wie Politik meets Kultur. „Hmm, sag mal Sebastian, könnte es etwa sein, dass wir hier direkt hinter der Crew sitzen?“ „ich glaube schon. oh schau mal, der Bürgermeister.“

Ja, wir saßen direkt hinter der Crew und noch direkter hinter dem Bürgermeister. Was uns den Vorteil einbrachte niemanden vor uns zu haben, da die beiden Plätze hinter ihm frei blieben.

Es war ein ganz besonderes Erlebnis – eins von denen, die man nicht planen kann, da sie spannender als meine eigene Vorstellungskraft (ich wollte eigentlich nur mal zur Berlinale) sind.

Victoria ist ein unheimlich faszinierender Film. Er spielt mit der eigenen Sättigung, der eigenen Langeweile – mit der Anonymität der Großstadt, mit tief sitzender Freundschaft, die über Zweifel geht. Und die Kamera ist eine Meisterleistung, wie ich sie schon lang nicht mehr gesehen habe.
Die beste Szene? Der Protagonist ist gerade gestorben und sie heult rotz und Wasser. Ich kann mich nicht daran erinnern, das jemals so „echt“ gesehen zu haben. Wow.

Mehr davon, danke Berlin.

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Waiting for Laia (Victoria)

 

P.S. Wie wir an die Karten gekommen sind? Irgendwann traf der Freund mit den beiden Karten ein. Eine lange Diskussion wurde auf spanisch geführt. Vermutlich: hierbleiben und hoffen, aufsplitten, vorgehen nachkommen. Naja, Drama eben. Wir nutzten eine kurze Pause und setzten allen Charme ein „Wir würden die Karten kaufen und würden uns total freuen. Der Film fängt gleich an.“ Und eins kam zum anderen. Ich hoffe die drei hatten ebenfalls einen tollen Abend – anders toll.

 

Mehr Informationen zum Film gibt’s bei Imdb: http://www.imdb.com/title/tt4226388

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